Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag, gehalten von Dr. Kühlewind

Weihnachten
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Predigt über Hebräer 1,1-4, gehalten von Dr. Gerhard Kühlewind

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt.  Amen.
Herr, segne unser Reden und unser Hören durch deinen heiligen Geist. Amen.


Liebe Gemeinde!

Was ist das dieses Jahr nur für ein Weihnachten? Am Heiligen Abend geschlossene Kirchen!

Die Feier nur im aller engsten Familienkreis. Keine Umarmungen, keine Feiertagsbesuche, keine Freunde, kein Ski-Urlaub, keine Partys, kein Festessen im Lieblingsrestaurant. Corona hat alles verändert! Täglich neue Rekorde bei den damit verbundenen Sterbezahlen und Neuinfektionen. Unsicherheit, Angst, Aggression und Depression breiten sich aus.

Ja, wir leben momentan im Schatten des Todes, zu viele Menschen sterben an Corona.  

 

Besonders schlimm betroffen – sowohl physisch als auch psychisch - sind die Älteren, die Weihnachten ohne  Gottesdienst und ohne Familie weitgehend isoliert in Heimen oder Krankenhäusern verbringen müssen. Dabei gehören sie gerade zu der Generation,  die Weihnachten entweder schon auf den Schlachtfeldern oder in Luftschutzkellern erlebt haben. Weihnachten im wahrhaft dunkelsten Schatten des Todes! Und auch danach folgten noch weitere Jahre mit Weihnachten ohne gedeckten Tisch, mit Brot, das mit Sägemehl gestreckt war, weil der Bäcker nicht genügend Mehl hatte, Weihnachten ohne heute nennenswerte Geschenke!

 

Im Vergleich zu diesen Jahren relativiert sich unsere Situation heute doch gewaltig. Was allerdings sog. Querdenker nicht davon abhält, die Wahrheit völlig zu verdrehen oder sich gar „verfolgt zu fühlen wie Anne Frank“! Welch Ignoranz! Da wird  gejammert, dass es heuer kaum Glühwein oder Bratwürste auf auf Weihnachtsmärkten gab. Da werden die verantwortlichen Politiker in den Dreck gezogen und die Wissenschaftler lächerlich gemacht. Da werden  krude Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt und das sog. „soziale Netz“ wirkt als weltweiter Brandbeschleuniger!

Die inzwischen mehr als  über 700 Toten, die allein bei uns in Deutschland an Corona täglich sterben, oder die am äußersten Limit kämpfenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Intensivstationen  werden von diesen Querdenkern einfach verdrängt.

Dabei sind das alles Menschen und Einzelschicksale samt ihren Familien und Freunden. Es sind Menschen, wie Du und ich, die es täglich selbst treffen kann!

 

Mehr als diese Querdenker kann ich da die vielen Menschen verstehen, die sich gerade auch jetzt wieder an Weihnachten fragen: Wenn es einen Gott gibt, ja sogar einen lieben Gott, warum lässt er das alles zu?  Sie stellen die sog. Theodizee-Frage, die Menschheit schon immer beschäftigt hat. Am 25. Mai dieses Jahres habe ich mit meiner Predigt „Die Welt nach Corona“ versucht, genau diese Frage zu beantworten. Vielleicht erinnert sich ja sogar noch die oder der eine unter Ihnen? Am Schluss meiner Predigt werde ich darauf zurückkommen.

Zunächst hören wir aber den für den heutigen 2. Weihnachtsfeiertag vorgesehenen Predigttext. Er steht am Anfang des Briefes an die Hebräer, also im 1.Kapitel, in den Versen 1-4:

 

„Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten,  hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welten gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.“

Soweit unser Predigttext.

 

Jetzt fehlte schon an Weihnachten die vertraute Atmosphäre, aber da hatten wir wenigstens unseren bekannten Lukastext, der die Kraft hat, uns im Innersten zu berühren und ohne den es die unzähligen Krippenspiele nicht geben würde. Und heute solch ein Text? Was hat der eigentlich mit Weihnachten zu tun?

Die Antwort scheint schwer, ist aber relativ einfach. Er ist nichts anderes als die zweite Seite der gleichen Medaille: er beschreibt nicht die Menschwerdung Gottes, sondern die Göttlichkeit des Menschen Jesu.  Es geht nicht um das Thema „der große Gott wird klein“, das im allgemeinen an Weihnachten zur Entfaltung kommt, sondern es geht darum, dass sich im kleinen Kind der große Gott begegnen lässt.

Wir werden gewissermaßen von der Weihnachtskrippe weg hinauf in schwindelerregende Höhen katapultiert. Vom Himmel, vom Universum aus blicken wir hinunter auf die Welt und das Weihnachtsgeschehen. Dabei erfahren wir, dass Anfang und Ende, Erniedrigung und Erhöhung, eins sind. Das Kind in der Krippe sitzt auf dem Himmelsthron. „ Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.“ Welch gewaltige Botschaft! Der Schöpfer der Welt ist in dem Menschen Jesus zu sehen und umgekehrt. Der unsichtbare Gott macht sich in den Worten seines Sohnes bemerkbar in der Welt.

 Doch irgendetwas stört mich doch an diesen Worten. Ich glaube es ist das Gefühl, dass mir dieser in diesem Kind so nahe gekommene Gott wieder entrissen wird. Jesus wird in kosmische Zusammenhänge erhöht, er ist Mitschöpfer, gleichen Wesens mit Gott, er ist Erlöser und sitzt zur Rechten Gottes - und verliert damit diese wohltuende menschliche Nähe. Plötzlich rumort es wieder im Kopf , das rationale Nachdenken über den Glauben.

Und trotzdem: Ich will mich auf meinen Glauben einlassen, denn ich ahne, dass die Geschichte vom göttlichen Kind in der Krippe nur deshalb heute noch erzählt wird, weil Jesus in seiner Geburt gleichzeitig auch all das für uns Menschen völlig unvorstellbare Höhere und Göttliche verkörpert.

 

Jesus ist  Gottes Wort. Jesus spricht von himmlischen Dingen – in seinen Bildern – so, dass es Menschen verstehen können.

Er sagt Worte wie Balsam: Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Und er sagt Worte, schneidend wie ein Schwert: Was ihr einem der geringsten meiner Brüder nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.

Und als alle schon dachten, jetzt ist es aus, da sagt er: Es ist vollbracht.

Er nimmt ein Senfkorn und sagt: Schaut mal, selbst wenn euer Glaube so winzig klein ist wie dieses Senfkorn, er bringt trotzdem Frucht.

Und die, die sich verstrickt haben in Gedanken und Sackgassen, die ruft er zur Umkehr. Du kannst es anders machen, traut er ihnen zu.

Er nimmt die Lebenslast von den Schultern. Trocknet Tränen. Richtet Gebeugte auf.

Und denen, die das schlechte Gewissen drückt und die es einfach nicht loswerden, denen sagt er: Dir sind deine Sünden vergeben. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn, wie ein Schatz im Acker, wie eine Perle.

Oder denken wir nur an die Vielzahl der konkreten und wunderbaren Gleichnisse und Erzählungen, die Jesus uns  als Richtschnur für unsere  ganz persönliche Lebensgestaltung hinterlassen hat : an den verlorenen Sohn, an den barmherzigen Samariter, an den Zöllner oder auch an die Ehebrecherin und sein. „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

 

Wo Jesus redet, hörst du Gott. Oder wie es im Johannesevangelium heißt: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

 

Und dennoch, schon wieder kommen Zweifel hoch. Der Gedanke, dass Jesus schon vor der Schöpfung an da war, dass er eines Wesens ist mit Gott, ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Aber vielleicht ist ja auch gar nicht nötig. Viel wichtiger ist, was es bedeutet. Dieser Gedanke - konsequent weitergedacht - bedeutet nämlich, dass Gott von Anfang an nie ein anderer war, als der, der sich in Jesus zeigt.

 

Gott hat nicht seine Strategie verändert, er hat  sich nicht besonnen und ist umgeschwenkt von Strafe auf Gnade. Gott hat nicht einen Notfallplan ausgearbeitet, nachdem der erste Plan gescheitert ist.  Den dreinschlagenden und den rachsüchtigen Gott des alten Testamentes, den haben  Menschen beschrieben in Zeiten,in denen sich noch niemand vorstellen konnte, dass ein Gott, der sich menschlich und damit schwach und verletzlich macht, wirklich mächtig sein kann. Sie kannten Weihnachten nicht!

 

Aber schon wieder stellen sich neue Fragen. Ist sie denn überhaupt wirksam in unserer Welt, diese Gottes- Art bzw. diese Jesus-Art, ist sie  durchsetzungsfähig? Gäbe es nicht allen Grund, die Menschheit stärker in ihre Grenzen zu weisen? Und würden wir uns nicht auch wünschen, dass Gott deutlicher und lauter redet? Will er das vielleicht durch Corona?

 

Ich bin damit wieder bei der  eingangs gestellten Theodizee-Frage.

 

Es ist ein Geheimnis, warum Gott so viel Krieg, Verbrechen, Ungerechtigkeit, Armut und Elend zulässt auf dieser Erde – ein sehr verhängnisvolles Geheimnis!  Denn gerade deshalb sind sich viele Menschen sicher, dass es ihn nicht geben kann. Luther hat dies die dunkle Seite Gottes genannt, von der wir nichts wissen. 

 

Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz sieht z.B. im Übel etwas Gutes: Eine Erfahrung, die Gutes entstehen lässt. Beispielsweise würde aus der Erfahrung eines Krieges der Wille der Menschen zum Frieden entstehen.

Ich persönlich sehe das ähnlich, habe inzwischen aber aufgehört, mir zu sehr den Kopf über die Theodizee-Frage zu zerbrechen. Ich weiß einfach, dass ich einen viel zu kleinen Kopf oder zu geringen Verstand habe, begreife ich doch z.B. weder den Makrokosmos, das Universum, noch den Mikrokosmos, die Welt der Atome und Neutronen, die Gott geschaffen hat und nach dessen Gesetzen alles funktioniert .

 

Gottes Pläne sind für uns Menschen einfach unfassbar, unvorstellbar, wie z. B. auch unser heutiger Predigttext: Das Kind in der Krippe sitzt auf dem Himmelsthron. Der Schöpfer der Welt ist in dem Menschen Jesus zu sehen und umgekehrt. Rational kommt man da nicht weiter. Darum beten wir ja auch immer bescheiden: Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft …!

 

Ich persönlich habe den in Bethlehem geborenen, am Kreuz gestorbenen und den auferstandenen Jesus Christus vor Augen, der – selbst ohne jegliche Sünde und Schuld - von Gott für uns mit unsagbaren Schmähungen, Leiden und Schmerzen bis in den Tod hinein belegt wurde.

Verstehen kann ich das nicht und damit stellt sich für mich durch Jesus Christus die Theodizee-Frage nicht mehr.

Geheimnis des Glaubens!

 

Ich muss zum Schluss  noch einmal auf Corona zurück kommen.

 

Gottes Pläne sind zwar für uns Menschen unfassbar, dennoch dürfen wir auf sie vertrauen. Wir alle sind in Gottes Hand auch in Corona-Zeiten, ja, über den Tod hinaus. „Von Guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Dieses Bekenntnis schrieb Dietrich Bonhoefer kurz vor seinem Tod im Konzentrationslager! Wir alle dürfen auch in der Pandemie sicher sein, dass sie nicht nur unbeschreibliches Leid sondern auch eine Erfahrung bewirkt, die weltweit Gutes entstehen lassen kann.

 

So zitiere ich auch am Ende dieser Predigt  wörtlich das Ende meiner Mai-Predigt: „Vielleicht ist diese Krise wirklich notwendig, um deutlich zu machen, wohin Neoliberalismus und Egozentrik in unserer heutigen Welt führen.

 

Plötzlich wurden Pflegekräfte im Krankenhaus und Altenheim, Verkäufer(inn)en im Supermarkt, Paketzusteller(innen), Polizist(inn)en und viele andere mehr zu systemrelevanten Held(inn)en und gleichzeitig deutlich, dass sie dem kapitalistischen System entsprechend völlig unterbezahlt sind.

Vielleicht bewirkt die Krise ja letztendlich ein fundamentales Umdenken nicht nur in der zukünftigen Lohnpolitik sondern hin zu einem völlig umfassend neuen Verständnis für ein solidarisches und umweltschonendes Zusammenleben der Menschen, ja der Menschheit der ganzen Welt.

Wir als Christen haben dabei unseren  Glauben als Fundament, auf das wir bauen können, und Jesus Christus als Vorbild.“

Amen.

 

Der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.